Vom Feeling her ein gutes Gefühl

Nanu?! Da ist dieser für Ende März angekündigte Text doch glatt in den April gerutscht. Was ist denn da passiert? Nun, es gab Wichtigeres: krankes Kind pflegen, ausgelassen Tanzen gehen, raus in die Sonne, Geburtstagskind feiern. Aber jetzt ist er fertig. Voila!

Hier soll es heute um unsere Gefühle gehen und den Umgang damit. Ich will euch eine ganz einfache Variante zeigen, wie ihr mit den Gefühlen anderer und euren eigenen Gefühlen umgehen könnt. Und ich will damit gleichzeitig mit einem der größten Missverständnisse in Beziehungen aufräumen.

Ready? Los geht’s!
Ich will direkt mit dem größten Missverständnis in Beziehungen, ob zwischen Liebespartnern, Freunden oder zwischen Eltern und Kindern beginnen. Dieses Missverständnis verursacht immer wieder unnötigen Kummer und Schuld und gehört aufgeklärt und abgeschafft.

Das große Missverständnis ist: Wir müssen unsere Liebsten vor unangenehmen Gefühlen bewahren! Wir dürfen nichts tun, was sie z.B. traurig macht oder enttäuscht. Und wenn sie sich unglücklich fühlen, müssen wir sie glücklich machen.

Gefolgt von Missverständnis Nummer 2: Ich MUSS mich selbst vor unangenehmen Gefühlen bewahren! Ich darf nichts tun, wo ich Gefahr laufe, mich z.B. traurig  oder enttäuscht zu fühlen. Und wenn ich mich (mal) unglücklich fühle, MUSS ich mich glücklich machen.

Nicht nur, dass wir so unseren Gefühlen und den Gefühlen des Anderen total ausgeliefert sind, es beraubt uns auch unserer Freiheit, wir selbst sein zu können. Was für eine Bürde! Vor allem, weil es ein hoffnungsloses Unterfangen ist. Wie wir uns mit etwas fühlen hat immer mehr mit uns selbst zu tun, als mit den Anderen. Es ist die Summe aus unserer Lebenserfahrung, unseren Gedanken und unserer aktuellen Tagesform.

Ein kleines Beispiel: Die Eine ist vielleicht in einer Familie aufgewachsen, in der alle Probleme tot geschwiegen wurden und plötzlich hatten sich die Eltern in einem zermürbenden Scheidungskrieg getrennt. Aufgrund dieser Erfahrung wird sie sich vielleicht wohler damit fühlen, wenn über Probleme gesprochen wird und eher unsicher, wenn eine zeitlang nicht  kommuniziert wird. Der Andere wiederum ist eventuell in einer Familie aufgewachsen, in der ständig herumgenörgelt wurde und er kritisiert wurde. Er wird sich vielleicht schnell genervt und bedroht fühlen, wenn über Probleme geredet werden soll. Oder ein ganz simples Beispiel: Wenn wir krank sind oder angespannt, dann reagieren wir viel empfindlicher auf unsere Umwelt, als wenn wir topfit und entspannt sind.

Wie hast du dich gefühlt, als du oben gelesen hast, dass ich am Wochenende Wichtigeres zu tun hatte, als diesen angekündigten Text fertig zu schreiben? Vielleicht warst du pikiert, weil du dachtest, dass ich meinen Beruf nicht ernst nehme und außerdem hab ich mich nicht mal entschuldigt! Oder du lässt fünfe gerade sein und fühltest dich bestätigt. Eventuell hast du dich betroffen gefühlt, wegen des kranken Kindes. Oder du hast dich warm und wohlig gefühlt, weil auch du in der Sonne warst und dich gerade daran erinnert hast. Vielleicht hat es dich auch entspannt, weil du dachtest: Ach wie schön, der Sven ist ja auch (nur) ein Mensch. Oder du hast enttäuscht gefühlt, weil du dachtest: Oh nein, der Sven ist ja auch nur ein Mensch.

Wie auch immer es bei dir war. Sei dir sicher, es gibt Menschen, die sich ÄHNLICH fühlen und Menschen, die sich komplett anders damit fühlen. Wir alle sind Individuen und die fühlen, denken, handeln nie 100% gleich. Es kann sein, dass wir ein und denselben Sachverhalt total unterschiedlich empfinden.


Ich rede hier nicht von Extremen, wie Gewalt oder Mißbrauch. Ich will euch auch nicht einladen, achtlos durch die Welt zu gehen. Natürlich haben unsere Handlungen Einfluss auf unsere Mitmenschen und ein achtsamer Umgang macht diese Welt zu einem hellen freundlichen Ort. Nur bewahrt uns dieser achtsame Umgang nicht vor unangenehmen Gefühlen.  Klar wollen wir, dass es den Menschen um uns herum gut geht. Aber selbst wenn wir ständig nach bestem Wissen und Gewissen handeln, können wir nicht verhindern, dass sich andere auch mal durch unser Verhalten z.B. verletzt fühlen.

Es geht im Leben nicht darum, unangenehme Gefühle zu vermeiden und zu erreichen, dass sie verschwinden oder am besten niemals auftauchen. Das ist unmöglich. Wer das versucht wird scheitern oder ein halbtotes oberflächliches Leben führen. Natürlich ist es eine gute Sache, eine gute Zeit im Leben haben zu wollen. Aber das erreichen wir nicht indem wir unangenehme Gefühle vermeiden. Das Stichwort hier ist Fokus: Wenn ich den Fokus auf Wohlbefinden lege, dann kann das mitunter bedeuten, dass ich mich dafür einer Herausforderung stellen muss, die Angst macht, um mich dann nachhaltig wohler zu fühlen. Wenn mein Fokus hingegen darauf gerichtet ist, unangenehme Gefühle unbedingt zu vermeiden, dann bekomme ich unter Umständen gar kein echtes Wohlbefinden, weil es für manche Dinge nötig ist, frustierende Momente durchzustehen, bevor man die Früchte ernten kann.

Bis ein Kind Laufen gelernt hat ist es viele Male hingefallen, zu Beginn hat es nicht einen Schritt geschafft, es hat sich weh getan, war frustriert und verzweifelt. Trotzdem wäre niemand auf die Idee gekommen zu sagen: "Hey, lass das mal mit dem Laufen. Das frustriert dich doch nur. Du bist eher so der Krabbeltyp. Das kannst du richtig gut. Mach dir dein Leben leichter! Oder noch besser, WIR lassen das besser bleiben mit dem aufrechten Gang, damit du dich als Krabbler neben uns nicht als Versager fühlst." Stattdessen wissen wir: Frust und die Verzweiflung halten es nicht ab, es weiter zu versuchen und schließlich zu schaffen und darüber stolz und glücklich zu sein.

Welche Auswirkungen hat es, wenn wir versuchen, unangenehme Gefühle aus dem Leben zu verbannen?

Wir sagen Ja zu Anderen und Nein zu uns selbst, weil wir Konflikte scheuen. Wir verleugnen unsere Herzenswünsche, weil wir Angst haben zu scheitern. Wir drücken uns monoton und roboterhaft aus, weil wir nicht wütend sein dürfen. Wir halten uns künstlich zurück, aus Angst "zu viel" zu sein. Wir verbringen viel Zeit vor dem Spiegel, um uns nicht unattraktiv zu fühlen, was damit einhergehen könnte, das wir uns von jemandem abgelehnt fühlen. Wir versagen uns Freude, weil der Andere gerade eine schwere Zeit durchmacht. Wir zwingen den Anderen Dinge mit uns zu tun, die ihm keinen Spaß machen, weil wir uns nicht allein gelassen fühlen wollen.

Wir stecken uns und unsere Beziehungen in ein Regelkorsett, mit offenen und versteckten Regeln, die alle das Ziel haben, uns nicht mit unseren ungewollten Gefühlen in Kontakt zu bringen. Wenn du DAS tust, DANN kannst du was erleben! Ich habe da diese oder jene schlechte Erfahrung gemacht, mute mir nicht zu, mich damit auseinanderzusetzen, indem du dieses oder jenes tust oder von mir willst. Ich lasse es lieber sein, meine Wünsche zu formulieren. Die werden sowieso nicht erfüllt und das Gefühl der Ablehnung kann ich nicht ertragen. Außerdem machen meine Wünsche dir Probleme, das kann ich dir nicht antun. Wir denken, dass dieses Verhalten Rücksicht bedeutet und uns Halt gibt, aber schlussendlich tötet es Stück für Stück die Lebendigkeit unserer Beziehungen.

Also noch einmal ganz deutlich: Es ist NICHT dein Job, unangenehme Gefühle zu beseitigen oder sie durch gute zu ersetzen. Weder bei dir, noch bei irgend jemand anderem.

Okay, aber wie macht man das jetzt mit den Gefühlen, wenn es nicht darum geht, sie zu vermeiden? Was kann ich denn tun, wenn ich mit dem intensiven Gefühlsausdruck von meinem Partner oder meinem Kind konfrontiert bin, und ich zum Beispiel (zu unrecht) beschuldigt werde?

Gut, dass du fragst, hier kommt die Antwort: Es reicht, die Gefühle anzuerkennen.

Ja, du fühlst wütend!
Ja, du bist gerade stocksauer!
Ja, du fühlst verzweifelt!
Ja, du fühlst dich enttäuscht!
Ja, du fühlst dich traurig!

Probiere es aus. Mehr brauchst du nicht tun. Sag nicht mehr. Bestätige, einfach nur die Gefühle, die du hörst und siehst. Du musst sie nicht verstehen. Du  musst sie nicht gut oder angemessen finden. Du brauchst nicht die Verantwortung für sie zu übernehmen. Du brauchst sie lediglich als gegenwärtige Realität anzunehmen, statt sie zu negieren und zu bekämpfen. Dann fangen die Dinge irgendwann von ganz allein an, sich zu entspannen.

Gesehen und anerkannt zu werden, so wie wir gerade sind. Das ist das Einzige, was wir alle in solchen Momenten brauchen.

Das kann sich am Anfang ziemlich komisch anfühlen und wird einigen sicher nicht leicht fallen. Denn das fällt uns schon bei uns selbst schwer. Gerade als Eltern. Ich sollte mich nicht genervt, gelangweilt, eingeschränkt von meinen Kindern fühlen. Aber seien wir ehrlich: Wir alle haben diese Gefühle manchmal und weg kriegen wir sie nicht. Deswegen vergiß dich selbst nicht, wenn du ein ungeliebtes Gefühl bei dir bemerkst.

Ja, ich fühle mich genervt!
Ja, ich fühle mich verletzt!
Ja, ich fühle mich gelangweilt!
Ja, ich fühle mich allein!
Ja, ich fühle mich unwichtig!

Wenn du jetzt sagst: "Sven, ich hab das ausprobiert und es hat nicht funktioniert. Ich fühle mich immer noch traurig." oder "So ein Unsinn. Ich habs bei meiner Partnerin gemacht und die war trotzdem wütend auf mich." Dann hast du den Sinn des Ganzen verfehlt. Aber nicht schlimm. Darum an dieser Stelle noch einmal: Es ist NICHT dein Job, unangenehme Gefühle zu beseitigen oder sie durch gute zu ersetzen. Weder bei dir, noch bei irgend jemand anderem.

Es geht nicht darum, das Gefühl anzuerkennen, um es verschwinden zu lassen. Das ist nicht ANERKENNEN.

Gib dir und allen anderen endlich die Erlaubnis, sich so zu fühlen, wie ihr euch gerade fühlt. Dein und ihr Leben wird dadurch reicher. Kein Gefühl währt ewig, wenn wir es  wirklich zulassen.

Und jetzt viel Spaß beim Ausprobieren.

Noch eine Bemerkung zum Schluß: Wir Menschen und unsere Gefühle, das ist ein sehr komplexes Thema und ich habe die ganze Thematik hier lediglich angerissen und dir kleine Tipps für den Anfang gegeben. Mehr über dich und die Integration all deiner Gefühle, kannst du bei mir im Training lernen. Es gibt noch jede Menge andere Techniken, die uns helfen sanfter mit uns und anderen zu sein.


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